Was Du jeden Monat zahlst, ohne es zu merken
Als wäre das Leben mit ADHS oft nicht schon stressig genug, kommt im Zusammenhang mit Geld auch noch eine ganz tückische Falle hinzu: die sogenannte ADHS-Steuer.

Ist bei Dir am Ende eines Monats auch immer irgendwie weniger Geld übrig als bei allen anderen? Dann gehörst Du mit ziemlicher Sicherheit auch zu dem Kreis der Steuerpflichtigen, die für ihre Impulse indirekt zur Kasse gebeten werden.
Als Mensch mit ADHS zahlst Du jeden Monat mehr als andere, das ist wissenschaftlich erwiesen. Nicht, weil Du schlechter wirtschaftest oder teurer handelst. Sondern, weil Dein Gehirn besonders tickt. Es arbeitet einfach anders – und unsere klassischen Geldsysteme sind dafür einfach nicht vorgesehen. Die Frage ist also nicht, ob es so ist. Die Frage ist: Weißt Du, dass es so ist? Und kennst Du Deinen ganz persönlichen ADHS-Steuersatz?
Eine unsichtbare Rechnung
Es gibt zwar noch keine offiziellen Statistiken zur sogenannten „ADHS-Steuer”. Aber wenn wir mal ehrlich zusammenrechnen würden, was wir Monat für Monat zu viel ausgeben – was wir allzu oft mit einem lauten „lieber nicht“ vor uns herschieben – wird das Bild deutlich: Die Mahngebühr für die Rechnung, von der wir dachten, sie sei längst bezahlt. Vielleicht haben wir sie auch einfach total vergessen. Oder in dem ohnehin schon überquillenden E-Mailchaos einfach nicht mehr gesehen. Oder der Dispozins, der einen schnell mal aus den Latschen hauen kann, weil wir allzu gerne vergessen, dass ein Minus auf dem Konto Geld kostet. Und mal ehrlich: Wieviele Abos hast Du, von denen Du nicht mehr genau weißt, dass Du sie hast? Wie oft kaufst Du übereifrig Lebensmittel, um sie Tage später vergessen und verschimmelt wegwerfen zu müssen? Und würdest Du versichern können, dass Du die Wäsche wirklich jedes Mal direkt aufhängst, wenn die Maschine fertig ist? Es soll ja Leute geben, die müssen den Waschgang das eine oder andere Mal wiederholen, weil sich vor lauter Ablenkung auf einmal ein Muffgeruch über den Frischeduft gelegt hat. Wann immer die Tatsache, dass unser Gehirn etwas für nicht mehr wichtig erachtet, mit zusätzlichen – unnötigen – Kosten verbunden ist, sprechen Insider von der ADHS-Steuer.
Die Ursache liegt nicht in falscher Anwendung, es handelt sich hier nicht um „Finanzfehler“. Es handelt sich um Symptome. Und sie haben einen Namen: exekutive Dysfunktion.
Was die Zahlen sagen
Studien zeigen deutlich, dass Erwachsene mit ADHS im Durchschnitt höhere Lebenshaltungskosten haben als Menschen ohne ADHS – bei gleichem oder sogar höherem Einkommen. Der Grund ist nicht Verschwendung. Der Grund ist, dass das Gehirn bei ADHS anders priorisiert, anders erinnert, anders plant.
Konkret heißt das: Wir zahlen häufiger Überziehungs- und Mahngebühren und nutzen öfter teure, kurzfristige Kredite. Nicht, weil es irgendwie vorteilhafter ist, sondern weil wir oft unseren Impulsen ausgeliefert sind und Dinge (oder Kredite) deshalb bestellen oder in Anspruch nehmen, weil sie sofort verfügbar sind. All diese Kosten werden von uns oft gar nicht als „Fehler”oder unnormal erkannt, weil sie so ein fester Bestandteil unseres Alltags sind, dass wir sie für selbstverständlich halten und nicht weiter hinterfragen.
Die „ADHS-Steuer” ist keine Metapher aus einem Selbsthilfebuch. Sie ist eine direkte Konsequenz daraus, dass ein System, das auf Übersicht, Erinnerung und langfristiger Planung basiert, für bestimmte Gehirne einfach nicht funktioniert.
Das Problem bist nicht Du
Das Muster, das sich dabei zeigt, ist immer ähnlich: Du weißt theoretisch ganz genau, was „richtig” wäre. Du weißt, dass Rechnungen bezahlt und Abos gekündigt werden
sollten, dass Impulskäufe Geld kosten, dass man für Urlaube und Notfälle ruhig ein bisschen was zur Seite legen sollte. Aber unser Wissen schützt uns nicht vor einem Nervensystem, das diese Informationen anders gewichtet.
Dein Gehirn arbeitet in einem anderen Zeitrahmenbezug. Dinge, die jetzt passieren, sind real. Dinge, die in drei Wochen passieren, existieren kaum. Das ist kein Willensdefizit. Das ist Neurobiologie.
Und genau deshalb braucht es keine Disziplin-Tipps. Es braucht Strukturen, die auch dann funktionieren, wenn Dein Gehirn nicht will – und nicht nur dann, wenn sowieso alles läuft.
Was als nächstes kommt
Wie diese Strukturen aussehen können – konkret, praktisch, ohne dass du ein anderer Mensch werden musst – stellen wir im nächsten Artikel vor. Nicht, weil wir Dich hinhalten wollen. Sondern weil die Lösungen genauso ernst genommen werden müssen wie das Problem.
Jetzt! Sofort! Hilfe!
Wenn Du auf der Stelle anfangen möchtest,
Deiner ADHS-Steuerlast auf die Spur zu kommen,
hier ein 5-Minuten-Trick:
Öffne Dein E-Mail-Postfach.
Suche nach „Rechnung”.
Schau, ob da was offen ist.
Wenn ja: Bezahl es nicht sofort – aber mach Dir eine deutliche Notiz auf Deinem Schreibtisch oder einen Post-it an den Monitor. Wichtig ist, dass Du es siehst. Hole das Unsichtbare ins Sichtbare.
Das ist der erste Schritt.